Drei aktuelle Romane - das neue Interesse an den 50er-Jahren

Monis Jahr (Kirsten Boie), Landnahme (Christoph Hein) und Der Verlorene (Hans-Ulrich Treichel)

Blick ins Material

Drei aktuelle Romane - das neue Interesse an den 50er-Jahren

Monis Jahr (Kirsten Boie), Landnahme (Christoph Hein) und Der Verlorene (Hans-Ulrich Treichel)

  • Abitur Baden-Württemberg 2021
  • Abitur Baden-Württemberg 2022
Typ:
Unterrichtseinheit
Umfang:
48 Seiten (0,7 MB)
Verlag:
Mediengruppe Oberfranken
Fächer:
Deutsch
Klassen:
11-13
Schultyp:
Gymnasium

In den Hinweisen für den Literaturunterricht in den meisten Ländern zeichnet sich seit einiger Zeit ein neuer Trend ab: Vorgeschlagen wird nicht mehr (nur), einzelne Werke (fast ausschließlich der „Hoch-literatur“) intensiv zu lesen, stattdessen sollen die Schüler (auch) möglichst viele, vor allem aktuelle Werke zu einem bestimmten Themenkreis kennen lernen – zum Teil auch nur in Auszügen oder kursorisch. Was heutige Lesegewohnheiten und Lesemotivation betrifft, scheint dieser Ansatz konsequent: Die Schüler können auf diese Weise aus einem möglichst breiten und vielfältigen Angebot Anregungen erfahren und sich das herausnehmen, was sie wirklich interessiert und anspricht. Gleichzeitig lernen sie auf diese Weise eine ganze Bandbreite inhaltlicher und formaler Gestaltungsmöglichkeiten kennen und setzen sich mit deren Wirkung am konkreten Beispiel auseinander. Nicht zuletzt regt die Auseinandersetzung mit verschiedenen literarischen Entwürfen – darunter auch aktuellen und in der Kritik kontrovers diskutierten – zur Suche nach bzw. zur Ausbildung von Analysekriterien und zum eigenständigen Urteil über Literatur an.

Die vorliegende Einheit sucht sich zu diesem Zweck drei Romane aus, die zwischen 1996 und 2003 erstmals erschienen sind und die erst seit wenigen Monaten in schülerfreundlichen Taschenbuch-Ausgaben vorliegen: Kirsten Boies Roman “Monis Jahr”, Christoph Heins “Landnahme” und Hans-Ulrich Treichels “Der Verlorene”. Auch sie stehen für einen aktuellen und im Grunde erstaunlichen Trend. Lange Zeit, bis in die 90er Jahre hinein, beschäftigte sich die Literatur intensiv und engagiert mit der Zeit des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkrieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Schlinks „Vorleser“ ist eines der jüngsten bekannten Werke, das in dieser Tradition steht. Die Fragen der „Bewältigung“, des Umgehens mit schuldhafter Verstrickung, mit restaurativen Tendenzen und Verdrängung sind Gegenstand vieler Werke aus dieser Zeit. Ihre Autoren, meist Zeitzeugen, schrieben dabei über die Zeit, die sie selbst erlebt hatten, sie fühlten sich als das Gewissen ihrer Epoche und wurden auch als solches wahrgenommen.

In den letzten Jahren entstand nun – ganz unerwartet und nicht unumstritten – ein neues Interesse an den 40er und 50er Jahren. In diesen Werken hat sich die Perspektive verändert. Die Autorinnen und Autoren, die diese Zeit bestenfalls noch als Kinder erlebt haben, schreiben nun über die Folgen des Bombenkrieges, über Flucht, Vertreibung und (schwierige) Integration, über die Leiden und Opfer des Krieges über das Kriegsende hinaus und generell über das schwere Leben ihrer Eltern in der Nachkriegszeit. Daneben finden wir oft eine sehr idyllische und romantische Sicht dieser Zeit, mit naiver Konsumfreude, mit Gogomobil, Petticoat, Heimatfilm und Riminiurlaub, mit „Wunder von Bern“ und „Wir-sind-wieder-wer“-Optimismus. Da sich auch die Historiker, Feuilletonisten und Sachbuchautoren diesem Trend anschlossen, lag der Vorwurf nicht weit, die Deutschen versuchten sich auf diese Weise nachträglich zu den eigentlichen Opfern des Krieges zu stilisieren. Ein anderer Vorwurf ist, die (schwierigen) 50er Jahre würden nachträglich idyllisiert und auf Klischees reduziert. Auch darüber wird im Rahmen der Lektüre mit den Schülern zu sprechen sein. Sie werden sich – gerade aus der breiten Textauswahl – selbst ein Bild verschaffen können, wie die 50er Jahre waren: hoffnungsvoll und tatkräftig oder miefig und eng, modern und experimentierfreudig oder restaurativ und angepasst, solidarisch oder ungerecht.

Die drei Romane, die hier vorgeschlagen werden, unterscheiden sich stark: in der inhaltlichen Ausrichtung, im Erzählstil, aber auch im literarischen Anspruch. Kirsten Boies „Monis Jahr“ ist ein eher leichter Roman, der ausdrücklich auch (wenn auch nicht nur) für Jugendliche und sogar Kinder empfohlen wird. Christoph Heins „Landnahme“ führt in die Geschichte der DDR – einer Geschichte, die beim Thema Wiederaufbau immer noch stiefmütterlich behandelt wird. Beide Romane erzählen eher konventionell – im Gegensatz zu Hans-Ulrich Treichels „Der Verlorene“, der den für die Literatur der 90er Jahre so typischen ironisch-distanzierten Ton anschlägt. In ihrer Verschiedenheit können sie die Schüler zum Vergleich und zur Urteilsbildung anregen.

Kompetenzen und Unterrichtsinhalte:

Die Schüler lernen drei aktuelle Romane kennen, die sich mit der Geschichte der 1950er-Jahre beschäftigen.
* Sie erarbeiten selbstständig den historischen Hintergrund der Romane und entwerfen, ausgehend von literarischen Texten, ein Bild der Epoche.
* Sie entwickeln bzw. nutzen Methoden, dieses Bild effektiv und funktional zu präsentieren.
* Sie untersuchen und beschreiben, wie historische Realität literarisch umgesetzt wird.
* Sie entwickeln selbstständig Kriterien des Textvergleichs und lernen, zu einem literarischen Text Stellung zu beziehen.
* Sie wiederholen fachwissenschaftliche Grundbegriffe wie Erzählhaltung und Erzählperspektive.
* Mit einem Einblick in die strukturalistische Theorie erweitern sie ihr Methodenspektrum zur Textanalyse.

Die einzelnen Unterrichtsschritte im Überblick:
  • 1. Schritt: Erzählanfänge
  • 2. Schritt: Die fünfziger Jahre
  • 3. Schritt: Erzählweisen und -strukturen
  • 4. Schritt: Thematische Querschnitte
  • 5. Schritt: Literatur beurteilen

In den Warenkorb

€ 12,50
Material-Nr.: 67766

Empfehlungen zu "Drei aktuelle Romane - das neue Interesse an den 50er-Jahren"

Spinner big
Spinner big